- Juni 23, 2026
- Caroline Soller
- 3:27 p.m.
„Wählt nicht die CDU/CSU, wählt nicht die SPD. Wählt auch keine Partei, die so wenig im Sinne von Logik und der Wissenschaft handelt“ – Rezo
Dieses politische Statement setzte der Influencer Rezo in seinem Video „Zerstörung der CDU“. So wie Rezo setzen immer mehr Influencer auf Provokation, politische Debatte und Polarisierung. Es leuchtet hoffentlich auf, dass dieses Phänomen infrage gestellt werden sollte. Influencer, wie Rezo, welche die moderne Alternative zur politischen Meinungsbildung im Gegensatz zum klassischen Journalismus darstellen. Ernsthaft jetzt?
Wobei, so ganz gefährlich scheint es doch nicht zu sein, oder?
Dazu erklärte Ricardo Breyton in seinem Artikel „“Kuschelig mit allen“ – Wohlfühlatmosphäre vor kritischer Distanz“ (2021), dass vor allem Teenager und junge Erwachsene in den sozialen Medien besonders präsent sind. Sie kommunizieren, tauschen sich aus, kommentieren, schauen Videos – die typischen Social-Media-Aktivitäten halt. Im Vergleich zu klassischen Fernsehen oder Tageszeitungen, erreicht man insbesondere auf Plattformen, wie TikTok oder Instagram, die jüngere Altersgruppe. Eine Befragung der ARD/ZDF zeigt den Anteil der Nutzer von Social-Media-Plattformen nach Altersgruppen in Deutschland im Jahr 2023. Dabei stellt sich heraus, dass 79% der 14- bis 29-Jährigen Instagram am meisten nutzen, gefolgt von Snapchat und TikTok.
Wohlgemerkt betont Breyton die Wichtigkeit, junge Menschen mit politischen Themen zu erreichen, um einen Raum der öffentlichen Meinungsbildung zu wahren. Influencer scheinen dabei eine essentielle Rolle zu spielen. Jugendliche würden lieber Inhalte eines Influencers schauen, als eine objektive Reportage. Ein You-Tube Video mit „schnellen Schnitte[n], ungewohnte Soundeffekte und ein für Erwachsenen seltsamer Humor“ wäre laut Amelie Duckwitz in „Meinungsführer Influencer?“ (2019) deutlich ansprechender. Ist ja auch verständlich. Wer will schon die Tagesschau sehen, auf die Eltern so abfahren?
Dadurch, dass „Videos für viele junge Menschen ein ganz wichtiger und alltäglicher Kommunikationsweg sind“
(Duckwitz), nutzen Influencern dies, um direkt mit ihrer Community kommunizieren zu können. Influencer als Sprachrohr zwischen jungen Bürgern und Politiker einzusetzen, scheint eine moderne Entwicklung zu sein. Politik und Marketing – was für eine perfekte Kombination. Durch das Austauschen mit Freunden oder dem Reagieren auf Videos, tritt die subtile politische Beeinflussung in den Hintergrund.
Alfred-Joachim Hermanni stellte 2019 in einem Beitrag die Unterschiede zwischen Influencern und Journalisten fest. Ein markanter Unterschied ist, dass Influencer keine journalistische Ausbildung abgeschlossen haben. Eine sachliche Darstellung als auch der Einbezug von unterschiedlichen Meinungen sind dort nicht gegeben. Wie soll bei solchen Umständen eine angemessene Meinungsbildung entstehen? Um dies zu verdeutlichen werfen wir mal einen Blick auf den amerikanischen christlich-konservativen Influencer Mark Lee Dickson. Dickson äußert sich des Öfteren über gesellschaftspolitische Debatten. Vor allem aber positioniert er sich gegen die Legalisierung von Abtreibungen. Die moralische Vorstellung, ein Kind Gottes abzutreiben, stellt er als eine desaströse Sünde dar. Seine Follower werden von dieser Ideologie beeinflusst. Irgendwann fangen diese an, sich damit zu identifizieren. Irgendwann fangen sie an, gegen Befürworter radikal vorzugehen. Denn: Dickson und seine Zuschauer schauten sich nicht die andere Seite der Debatte an. Kritisches Hinterfragen war nicht vorhanden. Über eine objektive Darstellung zur Meinungsbildung seitens Dicksons müssen wir erst gar nicht sprechen. Leider ist Dickson mit dieser politischen Radikalisierung kein Einzelfall. Vor allem extremistische Ideologien gewinnen immer mehr an Aufmerksamkeit – ohne dass sich junge Menschen noch ein Urteil bilden können.
Neben dem hervorgegangenen Beispiel, beweist Duckwitz ebenfalls, dass Influencer ihre Community beeinflussen und über eine hohe Glaubwürdigkeit verfügen. Aufgrund dessen, dass Influencer für uns relativ nahbar sind, können wir uns mit deren Leben, Wünsche und Sorgen identifizieren. Dadurch können sie uns zu Handlungen ermutigen, die wir sonst nicht vollstattet hätten. Wir alle haben doch schonmal ein bestimmtes Produkt gekauft, weil es uns eine Person aus dem Internet empfohlen hat. Bei der politischen Meinungsbildung ist dies nichts Anderes. Tätigen Influencer wie Andrew Tate frauenfeindliche Aussagen, kann er Männer mit antifeministischen Ideologien überzeugen. Die Männer fangen an, sich mit seinen Aussagen zu identifizieren. Sie fangen an, tendenziell rechtere Parteien zu wählen. Die politische Überzeugung entwickelt sich in eine andere Richtung.
Noch gefährlicher wird es, wenn man sein Blick auf Algorithmen wirft. Nach Breyton fördern diese die Bildung sozialer Blasen. Durch das Anschauen von Videos mit ähnlichen Inhalten, schlägt der Algorithmus nur noch gleiche Inhalte vor. Zeigt die 15-jährige Laura Interesse an den Videos von der rechten Spitzenpolitikerin Alice Weidel, bekommt Laura nach einer geringen Zeit ausschließlich Videos von Weidel angezeigt. Videos von anderen Politikern, wie Robert Habeck, Ursula von der Leyen, Heidi Reichinnek oder Julia Klöckner, gehen in ihrem Feed verloren. Dies führt dazu, dass Laura nur noch die Meinung von einer Politikerin aufgetischt bekommt und diese für richtig hält. Eine kritische Urteilsbildung oder das Abwägen der verschiedenen politischen Positionen ist auf diese Weise überhaupt nicht möglich.
Um sich nochmal auf das Statement von Rezo zu beziehen, dass man keine Union, SPD und schon gar nicht die AfD wählen solle, zeigt sich, dass Influencer ihre Community beeinflussen und über eine hohe Glaubwürdigkeit verfügen.
Es ist beeindruckend, wie präsent Jugendliche in den sozialen Medien sind und wie alltäglich digitale Kommunikation den jugendlichen Austausch darstellt. Klar ist es wichtig, junge Menschen mit politischen Themen zu erreichen. Doch man staunt nicht schlecht, wenn man von Algorithmen hört, welche die Bildung sozialer Blasen fördern oder auch über Influencer, welche sich ohne journalistische Ausbildung politisch radikalisieren. Bezieht man sich nochmals auf das Statement zu Rezo wird klar, dass Influencer ihre Community ganz klar beeinflussen wollen. Es wird höchste Zeit, dass in Schulen politische Aufklärungsarbeit stattfindet und kritisches Denken gefördert wird. Ohne Gegenmaßnahmen riskieren wir die politische Radikalisierung unsere Gesellschaft.

